neuDSCF4262.jpg

F R A G I L

ODER DIE PARABEL VOM ANGULUS NOVUS

05/07/20-19/07/20

Ein digitales Denk- und Tanzlabor vom 5.7. bis 19.7.2020 für Jugendliche aus Forbach, St. Nazire, Saarbrücken, Saarlouis, Bad Kreuznach, Girona, Targu Jiu und Sarajevo

Die Corona-Pandemie zwingt uns dazu umzudenken. Wir können das Projekt in diesem Jahr nicht in gewohnter Form durchführen. Das bedeutet, dass es kein gemeinsames Camp in Nantes geben wird. Wir möchten aber gerade jetzt in dieser Situation mit unseren Partnern in Bosnien-Herzegowina, Rumänien, Spanien und Frankreich in Kontakt bleiben und in dieser besonderen Zeit gemeinsam an unseren Vorstellungen von einem besseren Leben für alle arbeiten Deshalb haben wir uns eine andere Projektform, die das Reisen nicht notwendig macht, ausgedacht. Alle Jugendlichen bleiben zuhause und werden in ein großes länderübergreifendes, digitales Labor geschickt und tragen so dazu bei, unser Tanzprojekt im nächsten Jahr in Nantes vorzubereiten. Am Ende der 14 Tage wird es an allen Labor-Orten ein Ergebnis geben, das nicht perfekt, nicht fertig, nicht zu Ende gedacht sein muss, aber in Form eines 10-15-minütigen Films pro Land präsentiert werden kann. Diese kurzen Videostücke, mit Tanzszenen, kurzen Texten, Bildern etc., werden gesammelt und zu einem Film zusammengefügt. Der Werkstatt-Film wird dann an einer prominenten Stelle in den jeweiligen Städten gezeigt.

Um was geht es in unserem diesjährigen und auch nächstjährigen Tanztheater-Projekt? 

Das Foto von der aufgehenden Erde, aufgenommen von Astronauten der Apollo 8 am 24. Dezember 1968 auf ihrem Flug um den Mond, ist eines der aufregendsten Bilder der Menschheit. Zum ersten Mal sahen Menschen wie begrenzt, wie einzigartig und zerbrechlich der kleine, blaue Diamant in der Dunkelheit des Universums schwebt. Der Zauber, den dieses Bild verbreitet, hat die Menschen nicht davon abhalten können, die Erde, ihr Klima und das Leben auf ihr  zu zerstören. Es wird immer deutlicher, dass wir uns mitten in einer ökologischen Katastrophe befinden.  Dass es einen Zusammenhang zwischen Corona-Krise und ökologischer Krise gibt, wird immer deutlicher. Beide Phänomene sind Krankheitsanzeiger einer „ungesunden“ Mensch-Umwelt-Beziehung.

Die zweite inhaltliche Dimension ist mit einer kleinen Ölfarbzeichnung von Paul Klee und dem Philosophen Walter Benjamin verbunden. Dieses Bild mit dem Titel „Angelus Novus“ wird für Benjamin zu einem eindrücklichen Denkbild. In dem Engel erkennt er den Engel der Geschichte, der mit aufgerissenen Augen und weitentfalteten Flügeln auf die Trümmer der Geschichte starrt. Er möchte stehen bleiben und der Zerstörung Einhalt gebieten. Aber ein Sturm, der aus dem Paradies weht, treibt ihn mit dem Rücken in die Zukunft. Dieser Sturm trägt den Namen Fortschritt. Der „Angelus Novus“ wird unser Nach-Denken und Auf-Tanzen beflügeln.

Eine dritte Dimension, die an den „Angelus Novus“ anknüpft, ist mit der französischen Stadt Nantes verbunden, unserem Projektort im nächsten Jahr. Die Stadt wurde im 18. Jahrhundert durch einen florierenden Sklavenhandel  zur bedeutendsten Hafenstadt Frankreichs. Rund die Hälfte aller französischen Sklavenschiffe lief in Nantes aus, um die Menschen als Sklaven in die französischen Kolonien zu bringen.  Am Quai de la Fosse, der Anlegestelle der Sklavenschiffe und zentralem Ort des Schreckens, wurde 2012 ein Mahnmal für die Abschaffung der Sklaverei eingeweiht. Es erinnert an die Leiden tausender Menschen, die wie Nicht-Menschen behandelt wurden. Nur ein Beispiel europäischen Dominanzdenkens, das die Grundlage für die höchsteffiziente, weltweite Plünderung der Erde bildet.

Der blaue Planet, der Angelus Novus und die Kolonialisierung bilden die Koordinaten des Projektes, um der zerstörerischen Dominanzkultur des Westens historisch, ökonomisch, kulturell und psychisch auf die Spur zu kommen. 

(c) Ida Kammerloch/Carsten Thiele

PASSAGEN 2020 ALL RIGHTS RESERVED

  • Schwarz Instagram Icon
  • Schwarz Facebook Icon
  • Schwarz Vimeo Icon